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Stadtjugendring

Vom Runden Tisch der Jugend zum Dach­­verband der Jugend­(verbands)­arbeit

Die Entstehungs­geschichte

Die Mauer fällt! Am 9. November 1989 endet mit dem Fall der Berliner Mauer die jahrzehntelange Teilung Deutschlands. Die Machtstrukturen des SED-Systems (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands) befinden sich in der Auflösung. Der Runde Tisch etabliert sich als treibende Kraft für eine demokratische Entwicklung und soll den gesellschaftlichen Übergang mitgestalten. An ihm sitzen Vertreter*innen der Regierung, der Kirchen sowie der Opposition.

Auch in Leipzig gründet sich ein zentraler Runder Tisch. Der kurze Zeit später einberufene Runde Tisch der Jugend versammelt die aktiven Jugendverbände der Stadt. Insbesondere die religiösen Jugendverbände, die bereits über die Stadtökumene miteinander vernetzt sind und schon länger zur DDR-Opposition gehören, tun sich dabei hervor.

Der Runde Tisch der Jugend der Stadt Leipzig

Die Aufbruchsstimmung ist förmlich zu spüren: Der politische Umbruch zieht sich durch alle gesellschaftlichen Bereiche. „Für eine starke und vielfältige Interessensvertretung“ findet man sich am Runden Tisch der Jugend zusammen. War die Interessensvertretung junger Menschen bisher staatlich geregelt, muss jetzt eigenverantwortlich gehandelt werden. In einer offenen Atmosphäre kann nun um Positionen gerungen, diskutiert und zugehört werden.

Die zentralen Themen sind damals:

Der Runde Tisch der Jugend trifft sich damals vierzehntägig. Es gibt mehrere thematische Arbeitsgruppen (Jugendfreizeitarbeit, Satzung und Jugendpolitische Forderungen). Ein*e Vertreter*in des Runden Tischs der Jugend nimmt stimmberechtigt am großen Runden Tisch der Stadt teil.

Gründung des Stadtjugendring Leipzig e. V.

Die weiteren politischen Entwicklungen gehen rasant voran: Eine schnelle Wiedervereinigung wird zum Ziel. Wie geht es nun weiter mit dem Runden Tisch der Jugend? Man entscheidet sich für eine bundesweit etablierte Form: Der Stadtjugendring Leipzig e. V. soll gegründet werden. In einer Arbeitsgruppe wird dafür alles Wichtige in die Wege geleitet.

Noch vor der Wiedervereinigung findet am 18.06.1990 die Gründungsversammlung statt. Der Vorstand wird gewählt, eine Satzung beschlossen und erste Beschlüsse gefasst.  Die 13 Gründungsmitglieder damals sind: Evangelisch-Reformierte Gemeinde, Evangelisch-Lutherische Jugend, Evangelisch-Methodistische Jugend, Katholische Dekanatsjugend, Sportjugend Leipzig e. V., Julia (Junge Liberale), Stadtschülerrat Leipzig, KINDERVEREINIGUNG Leipzig e. V., AG junge GenossInnen PDS, freie deutsche Jugend (FDJ), Junge „Vereinigte Linke“ Leipzig, MJV „Junge Linke“, Arbeitsgemeinschaft der Jungsozialistinnen und Jungsozialisten in der SPD (Jusos).

Es gibt viel zu tun. Der gesellschaftliche Wandel ist radikal und die Interessen junger Menschen sollen nicht auf der Strecke bleiben. Jugendpolitische Forderungen des Stadtjugendrings weisen dabei den Weg: Was soll erhalten bleiben? Was muss neu geschaffen werden? Was brauchen junge Menschen für ein gutes Aufwachsen in dieser bewegten Zeit?

Die ersten Jahre

Nach der Wiedervereinigung und der Gründung des Stadtjugendrings gibt es weiter viel zu tun im neuen Staat. Ähnlich wie die neugegründeten Jugendring-Strukturen, müssen auch die kommunalen Gremien und (Jugendhilfe)Strukturen erst einmal geschaffen und etabliert werden. Der Stadtjugendring mischt als Interessensvertreter in allen Bereichen mit. Doch nicht alles verläuft dabei reibungslos! Ende 1990 muss die Schaffung eines arbeitsfähigen Jugendamtes und die Gründung des Jugendhilfeausschuss angemahnt werden. Vertreter*innen des Jugendrings werden dabei Teil des Jugendhilfeausschuss.

Der Elan einer anfänglichen Aufbruchsstimmung nimmt in den nächsten Jahren stark ab. „Es hat sich vieles getan, aber wenig bewegt“ ist die Überschrift eines Vorstandberichtes von 1992. Nicht ohne Frust wird dort festgehalten: „Die Kinder- und Jugendarbeit gehört leider nicht zum Aushängeschild von Bund, Ländern und Kommunen“. Sicherung und Erhalt funktionierender Einrichtungen sind wichtige Themen. Ein geringer Stellenwert der Jugendarbeit, eine insgesamt starre Kommune und gleichzeitig ein schwieriger Übergang ins neue Gesellschaftssystem bestimmen die Arbeit. Wird über Jugend gesprochen, dann meist aus einer negativen, problembehafteten Perspektive. Stichworte sind: Jugendgewalt, Jugendkriminalität, Jugendarbeitslosigkeit, Drogen und Rechtsextremismus.  Exemplarisch dafür steht auch die Einladung des Stadtjugendrings 1991, im Rahmen einer Sitzung des Regierungspräsidiums, einen Bericht abzuhalten. Es geht um das „Interesse der Gewährleistung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung“. Gemeinsam sollten „Maßnahmen zur Erkennung von Ursachen wachsender Gewalt und Extremismus sowie der Prävention“ gefunden werden.

Trotz alledem, die Arbeit des Stadtjugendrings entwickelt sich stetig weiter. Neue Jugendverbände werden aufgenommen, Kontakte zu Jugendringen aus Westdeutschlang aufgebaut und gepflegt, der Aufbau des Jugendrings Leipziger Land unterstützt. Die ersten finanziellen Mittel aus dem neugeschaffenen Fördertopf der Jugendförderung können an die Jugendverbände weiterverteilt werden.

Ende 1991 findet die erste große öffentlichkeitswirksame Aktionswoche des Stadtjugendrings unter dem Motto „Jugend in Leipzig“ statt. Eine Woche lang wird ein buntes Programm von Fach- und Diskussionsforen, über Stadtbesichtigungen bis hin zu Kulturveranstaltungen und Disco geboten.

Jugendverbandsarbeit